Gefährdungsbeurteilung und Arbeitsschutz in der Arztpraxis – Schupp & Heiny

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Unfallverhütung, Arbeitsschutz und Gefährdungsbeurteilung sind Teil des Qualitätsmanagements, welches für jeden Arzt verpflichtend ist. Gerade bei der Neugründung oder Übernahme einer Praxis kommt damit häufig ein großer Aufwand auf Ärzte zu. In diesem Beitrag möchte ich Ihnen einen ersten Überblick verschaffen und weiterführende Quellen aufzeigen.

Arbeitsschutz in der Arztpraxis

Das Ziel des Arbeitsschutzes ist es, arbeitsbedingte Gefahren und psychische sowie physische Belastungen weitesgehend zu vermeiden, sodass die Arbeit menschengerecht gestaltet wird.

Das kann langfristig gesehen sogar rentabel sein, wenn dadurch zum Beispiel weniger Mitarbeiter krankheitsbedingt ausfallen und sich generell das Klima verbessert. Auch Fehler können so vermieden und Risiken reduziert werden. Außerdem sparen Sie Geld und Zeit, wenn Sie kostenintensive Nachbesserungen und lange Ausfälle der Mitarbeiter vermeiden können.

Zu den Grundlagen des Arbeitsschutzes gehört eine Gefährdungsbeurteilung, die wiederum eng mit einer Praxisbegehung und der entsprechenden Betreuung verknüpft ist.

Praxisbegehung und Betreuung

Durch die Berufsgenossenschaftliche Vorschrift für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit sind Sie verpflichtet, alle 3 Jahre einen Betriebsarzt und alle 5 Jahre eine Fachkraft für Arbeitssicherheit zu einer Begehung der Praxis einzuladen.

Je nachdem, wie groß Ihre Praxis ist, erhalten Sie unterschiedliche Grade an Betreuung: Bei der Grundbetreuung werden Sie dabei unterstützt, die Gefährdungsbeurteilung zu erstellen und zu aktualisieren. Diese Betreuung wiederholt sich spätestens alle 5 Jahre, aber auch immer dann, wenn Sie etwas Neues einführen: Das können Prozesse, Geräte, Stoffe sowie ein neuer Arbeitsplatz oder -ablauf sein. Sie erhalten ebenso Hilfe, wenn Sie Unfälle oder das Auftreten bestimmter Krankheiten untersuchen oder einen Alarm- und Notfallplan erstellen.

Bei einer Praxisbegehung soll eine Beanstandung natürlich weitestgehend vermieden werden. Dabei kann ein im Vorfeld gut geführtes und dokumentiertes Qualitätsmanagement sowie eine sorgsam vorbereitete Gefährdungsbeurteilung helfen:

Was ist eine Gefährdungsbeurteilung und ist sie Pflicht?

Das wichtigste zuerst: Ja, eine Gefährdungsbeurteilung ist Pflicht, sobald Sie mehr als einen Mitarbeiter beschäftigen. Warum ist schnell erklärt: Durch eine Gefährdungsbeurteilung sollen Sie ermitteln, an welchen Stellen Ihrer Praxis es zu Gefahren oder Unfällen kommen kann, sodass Sie auf der Grundlage dieses Wissens Arbeitsschutzmaßnahmen festlegen können.

Bei einer Gefährdungsbeurteilung wird Ihnen relativ viel Spielraum gelassen, solange Sie die Sache mit Eigeninitiative, Kreativität und Verantwortung angehen. So ist es möglich, dass Sie für Ihre Praxis ganz individuelle Lösungen entwickeln können. Trotzdem stellt die Gefährdungsbeurteilung in der Regeln einen Kreislauf dar, an welchem Sie sich orientieren können. Die sieben Schritte lauten dabei:

1. Arbeitsbereiche festlegen

Im ersten Schritt sollen Sie Arbeitsbereiche und Tätigkeiten gesondert festlegen. Ein Arbeitsbereich ist zum Beispiel der Empfang. Die dort ausgeübten Tätigkeiten können das Ausstellen der Rezepte, die Vereinbarung von Terminen und Ähnliches sein. Ein anderer Arbeitsbereich ist das Labor. Welche Tätigkeiten werden dort ausgeübt? Ihre Überlegungen, bei denen Sie auch Ihr Team mit einbeziehen sollten, können tabellarisch notiert werden.

Manche Tätigkeiten werden in verschiedenen Arbeitsbereichen gleichermaßen ausgeübt, auch das sollten Sie festhalten.

2. Gefährdungen ermitteln

Weitergehend werden die Gefährdungen für die einzelnen Arbeitsbereiche ermittelt. Dabei sollte alles aufgeschrieben werden, egal, wie irrelevant es Ihnen erscheint. Ihre Mitarbeiter können und sollten Ihnen dabei behilflich sein, indem Sie von Beinahe-Unfällen berichten oder erzählen, welche Arbeiten ihnen eher schwerfallen oder bei welchen sie sich unwohl fühlen. Eine Gefährdung, die überwiegend in einem bestimmten Arbeitsbereich auftritt, könnte zum Beispiel das Stolpern über eine Schwelle sein.

Achten Sie dabei außerdem auf bestimmte Verordnungen: Diese können Ihnen einen Hinweise darauf geben, ob Sie in manchen Bereichen Gefährdungen zu erwarten haben, wenn Sie sich zum Beispiel nicht an alle geltenden Vorschriften gehalten haben. Besonders relevant für Sie sind folgende Verordnungen:

  • Arbeitsstättenverordnung
  • Betriebssicherheitsverordnung
  • Biostoffverordnung
  • Gefahrstoffverordnung
  • Medizinproduktebetreiberverordnung
  • PSA-Benutzungsverordnung

Auch Ihre eigenen Unterlagen des Qualitätsmanagementes können Ihnen Aufschluss über mögliche Gefährdungen bieten, insbesondere der Hygieneplan, das Notfallmanagement, andere Dokumentationen zum Qualitätsmanagement, Dokumentationen zu Geräteprüfungen, Gefahrstoffverzeichnisse, aktuelle Sicherheitsdatenblätter, Begehungsprotokoll, Berichte des Betriebsarztes und der Fachkraft für Arbeitssicherheit und Andere.

Im nächsten Schritt sollen Gefährdungen für einzelne Tätigkeiten ermittelt werden, wobei Tätigkeiten mit ähnlichen Gefährdungen zusammengefasst werden können. Häufig ist es schwierig, die Gefährdung eines Arbeitsbereiches von der einer Tätigkeit zu unterscheiden, deshalb sollte Ihnen dabei ganz besonders Ihr Team zur Verfügung stehen.

Gefährdungen können zum Beispiel Infektionen mit Krankheiten sein, aber auch belastende Stresssituationen, langes Stehen oder langes Tragen von luftdichten Handschuhen zählen dazu.

Neben den arbeitsbereich- und tätigkeitsbezogenen Gefährdungen gibt es auch personenbezogene Gefährdungen. Diese werden bei schwangeren, stillenden oder jugendlichen Mitarbeitern Pflicht.

Bei der Ermittlung von Gefährdung sollten Sie besonders auf den Umgang mit Gefahrstoffen, Chemikalien und Desinfektionsmitteln, auf Infektionsgefahren, Brandschutz, Laserstrahlung, Hautschutz sowie auf die Bedienung von Narkose- und Röntgengeräten achten.

3. Gefährdungen beurteilen

Auch mit langjähriger Erfahrung ist es normal, dass Gefahren nicht immer richtig eingeschätzt werden können. Deshalb gibt es für gewisse Geräte und Behandlungen technische Normen, an die Sie sich halten und nach denen Sie die Beurteilung vornehmen können.

Ansonsten können die Gefahren aber auch nach zwei Punkten klassifiziert werden: Die Häufigkeit oder Wahrscheinlcihkeit des Auftretens und der Grad des entsprechenden Schadens. Dabei gibt es sogenannte “Nicht akzeptablen Risiken der dritten Risikoklasse”, die unabhängig von der Häufigkeit auf jeden Fall vermieden werden müssen. Eine Infektion mit HIV wäre ein Beispiel.

Auch psychische Belastungen wie Stress sollten dabei nicht außer Acht gelassen und objektiv beurteilt werden.

Aus den beurteilten Gefährdungen sollten messbare Ziele abgeleitet werden. Im Idealfall werden Gefahrenquellen natürlich eliminiert, zumindest sollte das Risiko aber reduziert werden. Wenn diese Lösungen gemeinsam mit Ihrem Team entwickelt worden sind, werden Sie vermutlich auf mehr Akzeptanz stoßen.

4. Maßnahmen festlegen

Um die ausgearbeiteten Ziele zu erreichen, müssen Maßnahmen festgelegt werden. Dabei lassen sich allgemein technische, organisatorische und personenbezogene Maßnahmen festhalten.

Eine Stolperquelle kann beispielsweise durch einen Umbau beseitigt werden (technische Maßnahme) oder dadurch, dass Ihre Mitarbeiter einen anderen Weg wählen können (organisatorische Maßnahme).

Erst wenn Gefahrenquellen nicht anders beseitigt werden können, kommen personenbezogene Maßnahmen wie das Tragen von Schutzkleidung (Handschuhe, Mundschutz) ins Spiel.

Die Maßnahmen sollten außerdem konkret formuliert werden und aus ihnen muss klar hervorgehen, wer was wann macht. Legen Sie realistische zeitliche Ziele fest.

5. Maßnahmen durchführen

Dabei handelt es sich mit Sicherheit um den (zeit)aufwendigsten und teuersten Schritt, denn nun sollen die erforderlichen Maßnahmen auch in die Tat umgesetzt werden: Möglicherweise nehmen Sie einen Umbau vor, besuchen Schulungen oder treffen andere Maßnahmen. Wichtig ist, dass Sie einen strukturierten Zeitplan im Blick haben.

6. Wirksamkeit überprüfen

Überprüfen Sie anschließend, ob die Maßnahmen termingerecht umgesetzt worden sind, ob die festgelegten Ziele erreicht worden sind oder ob es gar zu neuen Gefährdungen und Belastungen gekommen ist.

Wenn ein Ziel nicht erreicht worden ist, gilt es zunächst, Ursachenforschung zu betreiben und anschließend geeignetere Maßnahmen festzulegen

7. Gefährdungsbeurteilung verbessern

Eine Gefährdungsbeurteilung ist eigentlich nie wirklich abgeschlossen – solange Gefahren noch nicht vollständig eliminiert werden konnten oder sobald neue Arbeitsabläufe eingeführt werden, muss die Gefährdungsbeurteilung wiederholt oder erweitert werden.

Beachten Sie, dass Sie den gesamten Prozess dokumentieren müssen! Das trägt erstens zur Qualität des Prozesses bei und zweitens können Sie so im Zweifelsfall und bei einer Praxisbegehung nachweisen, dass Sie aktiv an einer Gefährdungsbeurteilung gearbeitet haben.

Fazit

Auch wenn für viele Ärzte durch die Gefährungsbeurteilung ein höhere bürokratischer Aufwand entsteht, so handelt es sich dabei doch um ein wichtiges Thema, dass allen Beteiligten an einer Praxis Nutzen bringt.

Weitere Informationen finden Sie unter Anderem bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtpflege oder bei Ihrer zuständigen Landesärztekammer, zum Beispiel der Landesärztekammer Nordrhein.